Die stille Rentensenkung — warum Topverdiener besonders betroffen sind (und es meist nicht wissen)

Die Rentenmitteilung kommt einmal im Jahr. Sie landet im Briefkasten, wird kurz überflogen, vielleicht abgeheftet. Und dann passiert: nichts. Denn die Zahlen wirken stabil. Der Rentenwert pro Punkt steigt sogar leicht. Alles gut, oder?

Nicht ganz. Was in den letzten zwei Jahren still und leise passiert ist, verdient einen zweiten Blick — besonders wenn Sie zu den Menschen gehören, die gut verdienen.

Der Rentenpunkt steigt, die reale Rente sinkt. Die kalte Progression frisst den Alterswohlstand auf.
Der Rentenpunkt steigt, die reale Rente sinkt. Die kalte Progression frisst den Alterswohlstand auf.

Der Mechanismus, den kaum jemand kennt

Die gesetzliche Rente funktioniert über Rentenpunkte. Pro Jahr sammeln Sie Punkte, abhängig davon, wie viel Sie im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen aller Versicherten verdienen. Wer genau den Durchschnitt verdient, bekommt einen vollen Punkt. Wer mehr verdient, bekommt mehr — aber nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze (BBG).

Der entscheidende Hebel ist das sogenannte Durchschnittsentgelt — der Referenzwert, durch den Ihr Einkommen geteilt wird. Und dieser Wert ist in den letzten zwei Jahren massiv gestiegen:

JahrDurchschnittsentgeltRentenwert pro Punkt
202445.358 €39,32 €
202550.493 €40,70 €
202651.944 €40,79 € (ab Juli: 42,52 €)

Das Durchschnittsentgelt ist von 2024 auf 2026 um über 14 % gestiegen. Der Rentenwert pro Punkt dagegen nur um knapp 3 %. Das Ergebnis: Wer sein Einkommen nicht um 14 % gesteigert hat, bekommt pro Beitragsjahr weniger Rente heraus als zuvor — obwohl er unverändert einzahlt.

Bei einem Einkommen von 80.000 Euro bedeutet das konkret: Der Rentenwert pro Beitragsjahr ist von 2024 auf 2026 um knapp 10 % gesunken. Nicht gestiegen. Gesunken.


 

Und wer über 100.000 Euro verdient? Für den wird’s noch absurder.

Ab einem Jahreseinkommen von 101.400 Euro (BBG 2026) ist für die gesetzliche Rente Schluss. Alles, was Sie darüber verdienen, ist rentenrechtlich unsichtbar.

Das bedeutet: Ob Sie 110.000, 150.000 oder 200.000 Euro verdienen — Ihre gesetzliche Rente ist dieselbe wie die eines Kollegen, der exakt an der BBG liegt.

Und jetzt kommt der eigentliche Denkfehler, dem viele Topverdiener aufsitzen:

„Ich verdiene gut, also wird meine Rente auch gut sein.“

Nein. Ihre Rente wächst nicht mit Ihrem Einkommen. Sie ist gedeckelt — und durch das steigende Durchschnittsentgelt wird selbst dieser Deckel Jahr für Jahr real weniger wert.

Sie zahlen mehr ein, als Sie jemals in Form von Rentenansprüchen zurückbekommen könnten. Und der Anteil Ihres Einkommens, der über der BBG liegt, baut — rentenrechtlich betrachtet — schlicht gar nichts auf.


 

Das ist keine Katastrophe. Aber es ist ein klarer Auftrag.

Wer das versteht, muss nicht in Panik verfallen. Aber er sollte aufhören, auf ein System zu vertrauen, das für seine Einkommenssituation schlicht nicht gebaut wurde.

Die gute Nachricht: Es gibt steuerlich geförderte Alternativen, die genau dort ansetzen, wo die GRV aufhört — und die umso attraktiver werden, je höher der persönliche Steuersatz ist.

Basisrente (Rürup): Beiträge sind zu 100 % als Sonderausgaben absetzbar. Bei einem Grenzsteuersatz von 42 % oder mehr trägt der Staat fast die Hälfte Ihrer Einzahlung. Je höher Ihr Einkommen, desto größer der Steuerhebel.

Betriebliche Altersvorsorge (bAV): Beiträge fließen aus dem Bruttogehalt — steuer- und sozialabgabenfrei bis zu den gesetzlichen Höchstgrenzen. Wer an oder über der BBG liegt, zahlt ohnehin keine Sozialabgaben mehr auf das Mehreinkommen — die bAV macht diesen Vorteil auch für die Altersvorsorge nutzbar.

Private Rentenversicherung und fondsgebundene Lösungen: Flexibler in der Gestaltung, steuerlich attraktiv in der Auszahlungsphase — und unabhängig vom Durchschnittsentgelt-Mechanismus der GRV.


 

Was jetzt sinnvoll ist

Kein Mensch braucht sofort ein Produkt. Was jeder braucht, ist ein klares Bild: Wo stehe ich? Was habe ich aufgebaut? Und welche Lücke muss ich schließen?

Genau das lässt sich in einer strukturierten Vorsorgeübersicht auf einer einzigen Seite darstellen — in etwa 20 Minuten. Wer weiß, wo er steht, trifft bessere Entscheidungen. Wer das nicht weiß, verlässt sich auf ein System, das für ihn nicht optimal arbeitet.

Wenn Sie über 100.000 Euro verdienen und sich noch nie ernsthaft mit Ihrer Versorgungslücke beschäftigt haben, ist jetzt ein guter Zeitpunkt.

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