Die gesetzliche Rente steigt regelmäßig. Und trotzdem kannst du Jahr für Jahr weniger Rente aufbauen. Klingt widersprüchlich? Ist es aber nicht.
Wenn über die gesetzliche Rente gesprochen wird, geht es meistens um eine Zahl:
„Die Renten steigen.“
Zum 1. Juli wird der Rentenwert angepasst, anschließend liest du in den Nachrichten, um wie viel Prozent die gesetzlichen Renten erhöht werden.
Das klingt zunächst beruhigend.
Es gibt allerdings noch eine zweite Zahl, über die fast niemand spricht.
Und genau die kann für deine spätere Rente mindestens genauso wichtig sein.
Das Durchschnittsentgelt.
Denn dieses Durchschnittsentgelt entscheidet darüber, wie viele Rentenpunkte du für dein Einkommen bekommst.
Und genau hier passiert etwas, das viele Versicherte gar nicht bemerken.
Ein Rentenpunkt hat einen Preis
Das Prinzip der gesetzlichen Rentenversicherung ist zunächst erstaunlich einfach.
Verdienst du in einem Kalenderjahr exakt so viel wie der Durchschnitt aller Versicherten, bekommst du für dieses Jahr:
1 Rentenpunkt.
Verdienst du nur die Hälfte des Durchschnitts, bekommst du ungefähr:
0,5 Rentenpunkte.
Verdienst du mehr als der Durchschnitt, erhältst du entsprechend mehr Punkte – bis zur jeweiligen Beitragsbemessungsgrenze.
Das bedeutet:
Je höher das Durchschnittsentgelt steigt, desto höher muss auch dein eigenes Gehalt steigen, damit du weiterhin dieselbe Anzahl an Rentenpunkten bekommst.
Und jetzt wird es interessant.
So stark steigt der „Preis“ eines Rentenpunktes
Das endgültige Durchschnittsentgelt für 2024 beträgt:
47.085 Euro.
Wer 2024 genau diesen Betrag verdient hat, erhält dafür einen Rentenpunkt.
Für 2025 liegt das endgültige Durchschnittsentgelt nach aktuellem Stand bereits bei:
49.147 Euro.
2026 beträgt das vorläufige Durchschnittsentgelt:
51.944 Euro.
Und für 2027 sieht der aktuelle Verordnungsentwurf bereits vor:
53.452 Euro.
Damit steigt das Einkommen, das für einen vollen Rentenpunkt notwendig ist, innerhalb von nur drei Jahren von 47.085 auf 53.452 Euro.
Das sind rund 6.400 Euro mehr.
Oder gut 13,5 Prozent.
Aber was passiert, wenn dein Gehalt nicht um 13,5 Prozent steigt?
Genau das ist die entscheidende Frage.
Nehmen wir an, du hast 2024 exakt 47.085 Euro brutto verdient.
Damit erhältst du:
2024: 1,0000 Rentenpunkte
Jetzt stellen wir uns vor, dein Gehalt verändert sich nicht.
Du arbeitest weiterhin Vollzeit.
Du gehst weiterhin jeden Morgen zur Arbeit.
Du zahlst weiterhin Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung.
Dein Einkommen beträgt weiterhin 47.085 Euro.
Nur die Berechnungsgrundlage der Rentenversicherung verändert sich.
Und plötzlich sieht deine Rentenbilanz so aus:
2024: 1,0000 Rentenpunkte
2025: ca. 0,9580 Rentenpunkte
2026: ca. 0,9065 Rentenpunkte
2027: ca. 0,8809 Rentenpunkte
Und jetzt schau dir bitte nur diese beiden Zahlen an:
2024: 1,00 Rentenpunkt
2027: 0,88 Rentenpunkte
Du bist derselbe Arbeitnehmer.
Du hast dasselbe Gehalt.
Du arbeitest ein weiteres volles Jahr.
Aber du bekommst rund 12 Prozent weniger Rentenpunkte.
Und genau das meine ich mit „stiller Rentensenkung“
Natürlich wird deine gesetzliche Rente nicht offiziell um zwölf Prozent gekürzt.
Niemand schreibt dir:
„Leider haben wir deine Rente gerade ein bisschen reduziert.“
So funktioniert es nicht.
Der aktuelle Rentenwert kann sogar weiter steigen.
Seit Juli 2026 ist ein Rentenpunkt beispielsweise 42,52 Euro monatliche Bruttorente wert.
Das Problem liegt an einer anderen Stelle:
Du musst zunächst einmal genügend Rentenpunkte erwerben.
Und wenn dein eigenes Einkommen langsamer steigt als das Durchschnittsentgelt, bekommst du für deine Arbeit jedes Jahr etwas weniger davon.
Das geschieht leise.
Es erscheint auf keiner Gehaltsabrechnung als Abzug.
Es wird nicht als Rentenkürzung bezeichnet.
Und wahrscheinlich wirst du davon zunächst überhaupt nichts bemerken.
Deshalb nenne ich diesen Effekt eine stille Rentensenkung.
„Aber mein Gehalt steigt doch.“
Das kann durchaus sein.
Entscheidend ist allerdings nicht allein, ob dein Gehalt steigt.
Entscheidend ist:
Steigt dein Gehalt genauso schnell wie das Durchschnittsentgelt?
Ein Beispiel:
Du bekommst zwei Prozent mehr Gehalt.
Das klingt zunächst gut.
Steigt das für die Rentenberechnung maßgebliche Durchschnittsentgelt gleichzeitig um vier Prozent, hast du zwar mehr Geld auf deiner Gehaltsabrechnung – relativ zum Durchschnitt bist du aber zurückgefallen.
Und damit erwirbst du weniger Rentenpunkte als zuvor.
Das ist der Teil der Rentenrechnung, den man auf den ersten Blick kaum erkennt.
Ein bisschen weniger ist doch nicht schlimm?
In einem einzigen Jahr vielleicht nicht.
0,05 oder 0,10 Rentenpunkte wirken zunächst ziemlich unspektakulär.
Aber Altersvorsorge besteht nun einmal nicht aus einem Jahr.
Sie besteht aus Jahrzehnten.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes kommen Menschen beim Beginn ihrer Altersrente im Durchschnitt auf rund 39,4 Versicherungsjahre.
Bei Männern sind es durchschnittlich rund 41,4 Jahre, bei Frauen rund 37,7 Jahre.
Dabei handelt es sich übrigens nicht ausschließlich um Jahre tatsächlicher Berufstätigkeit. Zu den Versicherungszeiten können beispielsweise auch Kindererziehungszeiten oder andere rentenrechtlich anerkannte Zeiten gehören.
Und genau deshalb wird aus einem scheinbar kleinen jährlichen Unterschied irgendwann ein ziemlich großer.
Nehmen wir nur einmal an, du sammelst über viele Jahre durchschnittlich 0,1 Rentenpunkte weniger als gedacht.
Über 30 Jahre fehlen dir dann:
3 Rentenpunkte.
Beim heutigen Rentenwert von 42,52 Euro entspricht das bereits:
127,56 Euro weniger Bruttorente – jeden Monat.
Über 20 Rentenjahre wären das mehr als 30.000 Euro.
Und dabei haben wir zukünftige Rentenanpassungen noch nicht einmal berücksichtigt.
Kleine Unterschiede sind bei Altersvorsorge eben nur am Anfang klein.
Und dann gibt es da noch die berühmte Standardrente
Vielleicht hast du schon einmal von der sogenannten Standardrente gehört.
Sie basiert vereinfacht gesagt auf einem Arbeitnehmer, der:
45 Jahre lang jedes Jahr genau einen Rentenpunkt verdient.
Also 45 Jahre lang immer exakt das jeweilige Durchschnittsentgelt erreicht.
45 Rentenpunkte × 42,52 Euro ergeben derzeit:
1.913,40 Euro Bruttorente im Monat.
Vor Kranken- und Pflegeversicherung.
Und gegebenenfalls vor Steuern.
Die Zahl klingt erst einmal ordentlich.
Nur musst du dir die Voraussetzung einmal auf der Zunge zergehen lassen:
45 Jahre lang jedes einzelne Jahr Durchschnittsverdiener sein.
Die tatsächlichen durchschnittlichen Versicherungszeiten liegen, wie wir gesehen haben, darunter.
Und auch ein Versicherungsjahr bedeutet noch lange nicht automatisch einen ganzen Rentenpunkt.
Wer beispielsweise wegen Teilzeit, Kindererziehung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Ausbildung oder eines unterdurchschnittlichen Einkommens weniger verdient, sammelt entsprechend weniger Entgeltpunkte aus seinem Arbeitsentgelt.
Deine Rente kann also steigen – und trotzdem entsteht eine größere Lücke
Das ist der scheinbare Widerspruch.
Du liest:
„Die Renten steigen.“
Das kann vollkommen richtig sein.
Gleichzeitig kann aber auch Folgendes richtig sein:
Du baust für jedes weitere Arbeitsjahr weniger Rentenanspruch auf als früher.
Beides kann gleichzeitig passieren.
Der Rentenwert beschreibt, was ein vorhandener Rentenpunkt wert ist.
Das Durchschnittsentgelt beeinflusst, wie viele dieser Punkte du überhaupt bekommst.
Und wer nur auf den Rentenwert schaut, sieht deshalb nur die Hälfte der Rechnung.
Dazu kommt noch die Inflation
Und jetzt haben wir über ein Thema noch gar nicht gesprochen:
die Kaufkraft.
1.900 Euro Rente heute sind nicht dasselbe wie 1.900 Euro Rente in 20 oder 30 Jahren.
Deshalb halte ich Altersvorsorgeberechnungen, bei denen lediglich eine zukünftige Rentensumme hochgerechnet wird, grundsätzlich für unvollständig.
Die entscheidenden Fragen lauten vielmehr:
Wie viele Rentenpunkte werde ich wahrscheinlich erreichen?
Welche gesetzliche Rente ergibt sich daraus?
Welche Kaufkraft wird diese Rente zu meinem Rentenbeginn noch haben?
Und welches Einkommen brauche ich dann tatsächlich?
Erst wenn diese vier Fragen beantwortet sind, kann man sinnvoll über eine Versorgungslücke sprechen.
Die Renteninformation ist wichtig – aber sie ist keine Altersvorsorgeplanung
Die jährliche Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung ist ein wichtiger Baustein.
Aber sie ist keine persönliche Finanzplanung.
Sie zeigt dir bestimmte Hochrechnungen unter bestimmten Annahmen.
Sie weiß nicht, welchen Lebensstandard du im Alter haben möchtest.
Sie weiß nicht, welche Kosten du dann haben wirst.
Sie kennt nicht deine gesamte private und betriebliche Vorsorge.
Und sie beantwortet dir vor allem nicht die entscheidende Frage:
Wird das Geld für dich reichen?
Genau deshalb sollte eine vernünftige Altersvorsorgeplanung nicht mit einem Produkt beginnen.
Nicht mit einer Rentenversicherung.
Nicht mit einem Fonds.
Nicht mit einer betrieblichen Altersversorgung.
Sondern mit einer Rechnung.
Erst rechnen. Dann vorsorgen.
Wie hoch ist deine voraussichtliche gesetzliche Rente?
Welche Ansprüche bestehen bereits?
Welche privaten oder betrieblichen Vorsorgen gibt es?
Wie entwickeln sich diese voraussichtlich?
Welche Inflation muss berücksichtigt werden?
Und wie groß ist dann die tatsächliche Versorgungslücke?
Erst danach stellt sich die Frage, wie diese Lücke sinnvoll geschlossen werden kann.
Das kann über eine betriebliche Altersversorgung geschehen.
Über eine private Vorsorge.
Über Wertpapieranlagen.
Oder über eine Kombination verschiedener Wege.
Aber zuerst solltest du wissen, welches Problem du eigentlich lösen möchtest.
Fazit: Deine Rente wird nicht unbedingt gekürzt. Aber du musst genauer hinschauen.
Die gesetzliche Rentenversicherung nimmt dir nicht heimlich Rentenpunkte weg.
Aber das Einkommen, das du für einen Rentenpunkt benötigst, steigt.
Wenn dein Gehalt mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält, erwirbst du automatisch weniger Rentenpunkte.
Jahr für Jahr.
Fast unbemerkt.
Und genau darin liegt die stille Rentensenkung:
Nicht unbedingt der einzelne Rentenpunkt wird weniger wert.
Du bekommst für dasselbe Einkommen weniger davon.
Und über ein gesamtes Berufsleben kann genau dieser Unterschied erheblich werden.
Deshalb lohnt es sich, nicht erst fünf Jahre vor Rentenbeginn auf die eigene Altersvorsorge zu schauen.
Denn bei der Rente gilt eine ziemlich einfache Regel:
Was heute nur nach ein paar Hundertstel Rentenpunkten aussieht, kann später jeden Monat echtes Geld sein.