Ottokar möchte die Welt retten.
Er kommt dafür mit seinem Geländewagen.
Der Wagen ist so groß, dass kleinere Fahrzeuge in seiner Nähe vermutlich Satellitenbilder benötigen, um wieder nach Hause zu finden. Unter der Motorhaube arbeiten ausreichend Pferdestärken, um ein mittelgroßes Fürstentum zu verschieben.
Ottokar steigt aus, lässt den Motor laufen und hält mir einen Bambusbecher entgegen.
„Nachhaltig“, sagt er.
„Der Becher?“
„Mein Geld. Das soll jetzt Gutes tun. Umwelt. Menschen. Eisbären. Alles.“
„Und warum läuft der Motor?“
„Damit die Klimaanlage nicht ausgeht. Im Auto liegt mein Bio-Smoothie.“
Die Weltrettung ist voller Zielkonflikte.
Keine Waffen, keine Kinderarbeit und bitte sieben Prozent
Ottokar setzt sich an meinen Besprechungstisch und trägt seine Anforderungen vor.
Keine Waffen. Keine Kohle. Kein Öl. Keine Kinderarbeit. Keine Tierversuche. Keine Plastikverpackungen. Keine Unternehmen mit schlecht gelaunten Vorstandsvorsitzenden. Außerdem mindestens sieben Prozent Rendite. Garantiert. Ohne Schwankungen. Jederzeit verfügbar.
„Und das Ganze soll nachhaltig sein“, ergänzt er.
„Natürlich.“
„Sehr nachhaltig. Dunkelgrün. Fast Wald.“
Ich frage, was Nachhaltigkeit für ihn konkret bedeutet.
Ottokar schaut mich an, als hätte ich gefragt, ob Wasser nass ist.
„Na, gut eben.“
Damit ist er nicht allein.
Nachhaltigkeit klingt eindeutig, bis zwei Menschen erklären sollen, was sie darunter verstehen. Für den einen ist ein Energieversorger ausgeschlossen, sobald er noch ein Kohlekraftwerk betreibt. Für den anderen kann derselbe Konzern interessant sein, wenn er besonders viel in den Umbau zu erneuerbaren Energien investiert. Der eine will bestimmte Branchen vollständig meiden. Der andere möchte Unternehmen unterstützen, die sich nachweisbar verbessern.
Beides kann einer nachvollziehbaren Logik folgen.
Es ist nur nicht dieselbe.
ESG – drei Buchstaben, sehr viele Meinungen
Bei nachhaltigen Geldanlagen begegnet Dir häufig die Abkürzung ESG.
Das E steht für Umwelt. Dazu können zum Beispiel Emissionen, Energieverbrauch, Wasser, Abfall oder der Umgang mit natürlichen Ressourcen gehören.
Das S steht für Soziales. Hier geht es etwa um Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Gesundheit, Sicherheit oder den Umgang mit Beschäftigten und Lieferketten.
Das G steht für Unternehmensführung. Gemeint sind unter anderem Kontrolle, Transparenz, Korruptionsprävention, Vergütungssysteme und der Umgang mit Interessenkonflikten.
Das klingt übersichtlich. Ist es aber nur so lange, bis man damit Unternehmen bewerten muss.
Bewertungen können unterschiedlich ausfallen. Daten können lückenhaft sein. Anbieter können Kriterien anders gewichten. Ein Unternehmen kann bei Umweltfragen stark und bei der Unternehmensführung schwach sein. Ein anderes verkauft ein problematisches Produkt, behandelt seine Beschäftigten aber vorbildlich und veröffentlicht einen Nachhaltigkeitsbericht, der dicker ist als Ottokars Fahrzeughandbuch.
Eine grüne Farbe im Fondsnamen löst diese Fragen nicht. Sie beruhigt höchstens das Auge.
Nachhaltig ist keine Renditegarantie
Ottokar tippt auf einen Prospekt.
„Da ist ein Blatt drauf. Das ist doch geprüft.“
„Das Blatt ist gestaltet.“
„In Grün.“
„Sehr gründlich sogar.“
Eine nachhaltige Geldanlage bleibt eine Geldanlage. Sie kann im Wert steigen. Sie kann fallen. Sie kann breit gestreut oder sehr konzentriert sein. Sie kann teuer oder günstig sein. Und sie kann Risiken enthalten, die mit einem freundlichen Foto von Windrädern nicht verschwinden.
Deshalb solltest Du nicht nur fragen, ob eine Anlage nachhaltig klingt. Du solltest auch prüfen:
- Nach welchen Kriterien werden Unternehmen ausgewählt?
- Welche Branchen oder Geschäftsfelder werden ausgeschlossen?
- Geht es um Ausschluss, um die jeweils Besten einer Branche oder um Unternehmen im Wandel?
- Wie breit ist die Anlage über Länder, Branchen und Unternehmen gestreut?
- Welche Kosten entstehen?
- Welche Risiken und Schwankungen musst Du aushalten können?
- Passt die Anlage zu Deinem Ziel und zu Deinem Anlagehorizont?
Nachhaltigkeit ersetzt keine Anlagestrategie. Sie ergänzt sie um Werte und Kriterien.
Ein Depot, das moralisch einwandfrei ist, aber nicht zu Deinem Risikoempfinden passt, wird spätestens beim ersten kräftigen Kursrückgang zu einem pädagogischen Projekt.
Ausschließen oder verändern?
Ottokar will grundsätzlich alles ausschließen, was nicht perfekt ist.
„Dann bleibt am Ende vielleicht nicht mehr viel übrig“, sage ich.
„Finnische Moosfarmen?“
„Möglich. Aber vermutlich nicht breit genug gestreut.“
Es gibt verschiedene Wege, Nachhaltigkeitsvorstellungen umzusetzen. Manche Strategien schließen Unternehmen oder Branchen anhand bestimmter Grenzen aus. Andere wählen innerhalb einer Branche diejenigen Unternehmen aus, die bei festgelegten Kriterien besser abschneiden. Wieder andere setzen auf Mitwirkung: Anleger oder Fondsgesellschaften nutzen Stimmrechte und Gespräche, um Veränderungen anzustoßen.
Jeder Ansatz hat Stärken und Schwächen.
Strenge Ausschlüsse sind klar verständlich, können das Anlageuniversum aber verkleinern. Ein Best-in-Class-Ansatz kann Unternehmen berücksichtigen, die im Branchenvergleich besser aufgestellt sind, obwohl die Branche selbst umstritten ist. Transformationsansätze können Veränderung finanzieren, müssen aber nachvollziehbar zeigen, dass aus Ankündigungen auch Fortschritt wird.
Sonst wird aus Nachhaltigkeit Greenwashing. Also ein grüner Anstrich auf einer ziemlich grauen Wand.
Ottokar gefällt der Begriff. Er fragt, ob man damit seinen Geländewagen behandeln könne.
Ich sage nein.
Er schreibt es trotzdem auf.
Ottokars persönlicher Nachhaltigkeitsfilter
Wir arbeiten seine Vorstellungen durch. Nicht abstrakt, sondern konkret.
Waffen sind für ihn ausgeschlossen. Kohle ebenfalls. Bei Öl wird es schwieriger, weil sein Boot damit fährt. Fluggesellschaften findet er kritisch, außer wenn er Urlaub hat. Fleischproduktion lehnt er ab, solange niemand an seinem Grill steht. Datenschutz ist ihm sehr wichtig, sein Passwort lautet allerdings seit 2009 „Ottokar123“.
Nach einer Stunde haben wir weniger einen Nachhaltigkeitsfilter als ein psychologisches Gutachten.
Aber genau darin liegt der Sinn des Gesprächs. Nachhaltige Geldanlage beginnt nicht bei einem Etikett. Sie beginnt bei der Frage, was Dir wichtig ist, welche Widersprüche Du akzeptierst und wie Deine Wünsche mit Rendite, Risiko, Streuung, Kosten und Laufzeit zusammenpassen.
Völlige Reinheit ist schwer zu erreichen. Ein nachvollziehbares Konzept dagegen schon.
Ottokar entscheidet sich schließlich für eine breit gestreute Lösung mit klaren Kriterien, die zu seinen wichtigsten Ausschlüssen passt. Keine Erlösung der Menschheit. Kein finanzielles Weihwasser. Eine Geldanlage mit verständlichen Regeln.
Er unterschreibt und steht auf.
„Dann fahre ich jetzt beruhigt nach Hause.“
„Vielleicht machst Du vorher den Motor aus.“
Ottokar blickt durch das Fenster. Der Geländewagen läuft noch.
„Siehst Du“, sagt er. „Deshalb investiere ich ja nachhaltig. Zum Ausgleich.“
Lass Dein Geld nicht nur grün aussehen
Wenn Du nachhaltig investieren möchtest, sollten wir zuerst klären, was Nachhaltigkeit für Dich bedeutet. Danach prüfen wir, welche Anlagestrategie zu Deinen Zielen, Deiner Risikobereitschaft und Deinem Anlagehorizont passt.
Wir schauen hinter Fondsnamen, Blätter, Bäume und sehr zufriedene Eisbären. Denn ein grünes Etikett ist noch kein Konzept. Und ein Bambusbecher macht aus Ottokars Geländewagen noch lange keinen Stadtbus.
Lass uns Deine Vorstellungen sortieren und eine Geldanlage finden, deren Regeln Du verstehst. Dann muss Dein Geld nicht die ganze Welt retten. Aber es kann zumindest aufhören, nur so auszusehen.